Rütlifahrt 2019

Die traditionelle Rütlifahrt der Berner Stadtschützen ans Rütlischiessen jeweils am Mittwoch vor Martini fand heuer zum 106. Mal statt und ist tatsächlich zu jenem unvergesslichen Erlebnis geworden, welches der fähige neue Obmann David Hofer in seiner Einladung angekündigt hat. Das vor allem – aber nicht nur – für den Schreibenden, welcher nach gefühlten 10 Jahren Reservistendasein der Elitegruppe dieses Mal wegen Erkrankung eines Schützen kurzfristig einspringen konnte und prompt den Becher gewann.

Die Wettervorhersagen auf den diversen Handy-Applikationen kündigten für den 5. und 6. November eher regnerische und kühle Tage an.
So machte sich die stattliche Schar der Berner Stadtschützen und der diesjährigen Gästen aus Bettenhausen, Tägerschi, Rüschegg, Lauterbrunnen, Kerzers, Wiler und Gündlischwand - eine gute Hundertschaft von Schützen und Schlachtenbummlern - am Dienstag um 14.20 mit warmer Kleidung, Allwetterhüten, Regenschützen, Schuhwerk für Hundewetter, Gamaschen und gut verpackten Waffen und Schützenausrüstung mit der Bahn auf den Weg nach Luzern. Wegen Bauarbeiten am Brünig musste heuer der Talweg durch das Entlebuch in die Innerschweiz gewählt werden. Das war der guten Stimmung aber in keiner Weise abträglich. Die Verpflegungsequipe (Beat Kräuliger, Ernst Schiess, Alois Länzlinger, Thomas Grütter und Walter Rhyn) leistete ganze Arbeit. Entsprechend festlich-lustig war die Atmosphäre in den Zugsabteilen.

Von Luzern ging es dann wie gewohnt mit dem Schiff weiter nach Brunnen. Nach Zimmerbezug und Umziehen fand man sich im City Hotel zum festlichen Nachtessen ein. In den diversen Ansprachen waren der vaterländische Geist, der freund-eidgenössiche Zusammenhalt und die Freude am Schiesssport deutlich spürbar. Es tut wohl, unter Freunden zu sein!
Nach dem Essen machten die Unverbesserlichen und die Nachtfalter noch die Brunnener Nachtlokale unsicher, um bei Bier und anderen Drinks, Freundschaften zu pflegen und zu vertiefen. Die noch- oder wieder Hungrigen trafen sich bei der Chästeilet oder/und zur legendären Mehlsuppe im Gamellendeckel. Man sagt zwar, das Brunnener Nachtleben vor dem Schiessen habe etwas nachgelassen, sympathisch war es aber trotzdem.

Für die Schützen, die Küchen- und Zeltmannschaft war am Mittwoch bereits um 05:30 Tagwache, um früh genug auf der Rütliwiese die Vorbereitungen für einen gelungenen Tag treffen zu können. Zum Glück zeigte sich der Wettergott gnädig und verschonte uns vor dem angesagten Regen.

Als Reservist nahm ich es etwas gemütlicher und erschien erst um 8 Uhr beim Frühstück. Und da erhielt ich auch die OSM-Alarmierung: Tschabold Mario falle wegen Krankheit aus und ich solle schnurstracks mit Waffe und Ausrüstung über den See fahren und mich fürs Schiessen vorbereiten. Jetzt gilts! Freudig packte ich meine sieben Sachen und traf kurz darauf beim Berner Zelt ein.

Das traditionelle Kommen und Gehen der fröhlichen Besuchergruppen im Berner Zelt beobachtend, zog ich mich um und bereitete mich auf das Schiessen vor. Um 10:45 waren wir als Ablösung 13 aufgeboten. Mit einer halben Stunde Verzögerung hiess es dann endlich: «Für drei Schuss laden, Feuer frei!» und los ging es. Letzte Kontrollblicke: Nachtvisier unten, auf die richtige Scheibe zielen! Die ersten drei Schüsse gingen schnell aber sicher weg. 5-3-2. Vielleicht muss ich mir in der nächsten Passe etwas mehr Zeit fürs saubere Zielen nehmen, sage ich mir. Das Warten bis die Zeiger fertig waren, schien mir unendlich.

Für die nächsten sechs Schüsse liess ich mir dann wirklich etwas mehr Zeit, was nicht heisst, dass sie viel besser waren, aber akzeptabel allemal. Inzwischen lugte die Sonne zwischen den Wolken hervor und wärmte uns.

Die Sicht wurde dadurch aber etwas schlechter. Die letzten sechs Schüsse waren bereits nach einer Minute abgegeben. Das Knie schmerzte etwas und ich wollte es möglichst bald wieder entlasten. Mit meiner Punktzahl von 67 habe ich meine Trainingsresultate in etwa bestätigt und konnte zufrieden sein. Dass es auch noch für den Becher reichte, freute mich natürlich sehr. Der Rest des Tages war für mich dann ein Freudenfest.


 

 Die Gruppe der Berner Stadtschützen konnte die Siegesserie in der Kategorie der Ständigen Gastsektionen zwar nach drei Jahren nicht fortsetzten, erreichte mit dem dritten Rang hinter Aarau und St.Gallen aber dennoch einen Podestplatz. Wenn immer dieselben gewinnen würden, verlöre der Anlass an Spannung und das Interesse der Konkurrenz würde sinken. In diesem Sinne ist die Welt wieder in Ordnung. Nach dem gehaltvollen Absenden verschob sich die glückliche Rütligemeinde wieder mit dem Schiff zurück nach Brunnen. Manch einer genehmigte sich noch einen Drink und liess den schönen Tag mit Freunden ausklingen, andere putzten notdürftig die Schuhe und zogen sich um. Wir Berner trafen uns am Bahnhof wieder, um den Zug um 17:41 nach Luzern zu erreichen.

Die Rückfahrt nach Bern wurde erneut kulinarisch von der Verpflegungsequipe vorzüglich unterstützt. Um 20 Uhr traf die fröhlich Schar pünktlich in Bern ein und verabschiedete sich nach einem wahrlich erlebnisreichen Tag. Das Rütlischiessen erdet die Schweizer Schützenseele! Nach dem Rütli ist vor dem Rütli! Wir freuen uns schon wieder darauf.

Ich möchte diesen Bericht aber nicht abschliessen, ohne all jenen zu danken, die alljährlich ehrenamtlich und mit viel Herzblut und Idealismus diese Fahrt erst möglich machen.

Hans Lüber

 

30.01.2020 / Victor Maeder