97. Grauholzschiessen

 

Seid Einig

Schiessstand im Sand - 29. Februar 2020


Feuer Frei

Die klassische Disziplin der Schützen sind die 300m. Mit Freude wurde daher das Schiessjahr im Frühling immer mit dem Neueneggschiessen eröffnet. Wir erinnern uns, letztes Jahr wurde der geschichtsträchtige und historische Anlass im Zenit mit dem 100. Neueneggschiessen beendet. Glut soll bekanntlich weiter gepflegt werden, damit aus Begeisterung neues Feuer entsteht und Traditionen neu gelebt werden. Das Schiessjahr 2020 wurde somit im Feuer mit dem Grauholzschiessen begrüsst; die Büchsen am Vormittag in der Bittmatt aus dem Winterschlaf erweckt um eingeschossen perfekt justiert am Nachmittag die besten Ergebnisse zu erzielen.

Zur Erinnerung: Das Grauholzschiessen ist ein Gruppenwettkampf und erinnert an die Ereignisse, die sich am 5. März 1798 im Grauholz zugetragen haben. Seinerzeit stellten sich die bernischen Truppen unter dem Befehl von Karl Ludwig von Erlach der französischen Armee des Generals Balthasar Alexis von Schauenburg, obschon die Berner Regierung zu diesem Zeitpunkt bereits kapituliert hatte. Trotz des Sieges des Generals Johann Rudolf von Graffenried bei Neuenegg wurden die Berner bei Fraubrunnen und auch im Grauholz geschlagen. Das Heer von der Regierung verraten. Daher die Mahnung und Aufforderung im Grauholzdenkmal „Seid Einig“ - Worte, die wir Schützen einmal im Jahr in unsere Erinnerung aufnehmen und zu Gedanken, auch mit einem direkten Bezug zur heutigen Zeit, veranlassen.

Die Teilnehmenden hatten ihre Schiesszeiten auf 15:24 Uhr und so traf sich die 300m Schützengruppe „Mutzen“ der Stadtschützen Bern direkt im Schützenhaus Sand in Schönbühl. Das Schützenhaus glich an diesem sonnig lauen Wintertag einem emsigen Bienenhaus im Frühsommer. Vor dem Stand türmten sich die Taschen und Packungen der unterschiedlichen Schützengruppen. Gruppen formierten sich oder verabschiedeten sich mit einem herzhaften Gruss. Ein stetiger Strom von Schützen und Schützinnen liefen in den Eingang oder drängten sich hinaus an die frische Frühlingsluft. Nun zumindest, was nicht vom Ausbacken der obligaten Militärkäseschnitten überdeckt wurde, die ein alter Haudegen eifrig im heissen Fett ausbuk. Die ganze Situation bewacht von einem Wächter, der aufmerksam jede Sicherung, Verschlussöffnung, Magazininhalt kontrollierte, bevor mit einem „Gut Schuss“ die Parole erlaubt wurde. Im Innern trafen im ersten Stock die eingeteilten Schützengruppen vor der Ablösung auf die heiteren Absolventen der Schusszeilen, was jeweils zu einem Gedränge vor dem Schalter mit den Auszeichnungen führte. Mussten doch wenigsten die Anerkennungskarten von den Enttäuschten abgeholt werden, denen das Resultat nicht für die Auszeichnung genügte. Mit stolzer Brust dafür präsentierten die Erfolgreichen Ihre Kränze. In der Kantine wurde daher entweder schon frischer Weisswein gereicht oder erst noch besinnlich samtener Kaffee getrunken.

   

Erfolgreiche Schützen - Trotz Schiessbild ohne Kranz

Hier traf sich unsere Gruppe auf 1430 Uhr erst Mal zum Kaffeetrinken ein, zur Stärkung der Konzentration und Fokussierung auf den Wettbewerb. Für mich als Novize in der Gesellschaft, der erste Anlass, der Puls entsprechend knapp über Ruhe. Kurz vor der Ablösung Marsch in den ersten Stock. Tenuewechsel in die starren Schiessjacken. Prompt verstimmen die ungezwungenen Gespräche und jeder Schütze/Schützin fällt in die Konzentrationsphase.

Das Licht ist leider nicht gerade günstig. Alles Weiss und dann noch von vorne, der Stand vollgepackt mit behördlichen Sicherheits-/Lärmauflagen, fast keine Sicht auf die Scheiben, nur der kurze Schlitz mit Ausblick auf die A Scheibe. Hochpritschen, schmal wie ein Sargdeckel, laden zum Runterfallen ein. Die SIUS SA9005 Anlage technisch hochstehend, zeigt ohne Hemmung die Fehlschüsse in Echtzeit digital auf, mit Trefferbildausdruck auf dem Standblatt für das spätere Wundenlecken oder als stolzer Beleg für die gute Leistung. Jetzt das Kommando zur Ablösung. Die Gruppe „Mutzen“ der Stadtschützen Bern dürfen zeigen was in ihnen steckt. Schon liegen wir auf unseren Scheiben. Richten uns ein. Zupfen an den Schiessjacken, machen die Korrekturwerkzeuge bereit. Magazin haben wir schon lange mit den dicken/normalen GP11/GP90 zu je 12 Schuss angespitzt. Nun kommt das Schiessprogramm: „Zwei Einzelschüsse je in 30 Sekunden, angezeigt, dann 10 Schüsse in Serie in 4 Minuten, am Schluss angezeigt“ Die Warner kontrollieren die Standblätter mit den Schützen. „Hier“ „Ja“ Rufe erklingen. Alle Thermo Drucker sind geladen. Es darf losgehen.  
Kommando „Feuer frei“ erschallt durch die Schalllautsprecher. Die erste Salve kracht nervös. Schon bevor die Schiessanzeige das Resultat ausspuckt, wird eifrig an den Eisenvisieren herumgeschraubt. Zweiter Schuss. Jetzt auf Kurs. Der Schuss ist bei 96. Jetzt nur halten und die 10 Schuss sauber und konzentriert durchziehen. Der Puls steigt. Dieser Schuss war doch sicher abgerissen! Nein, Hoffnung kommt auf. Dieser jetzt in der Musche. Das muss ein 100er sein! Der Schützenmeister zählt schon den Countdown. Jetzt noch eine Minute und zwei Schüsse sind noch im Magazin. Letzter Schuss. Die SIUS Anlage zeigt schonungslos das Ergebnis - in Echtfarbe: Leider nur 50 Punkte. Doch ein abgerissener 3er, der nicht wettgemacht werden konnte! Der Pulverdampf ist noch in der Luft, da vergleichen wir Kameraden/Kameradin untereinander die Ergebnisse.

Frohlocken und Freude kommt auf. Das Erlebnis zählt! Die stolzen Kranzträger trösten die Anwärter für einen Kranz im nächsten Jahr. Wir treten vor das Schützenhaus. Erstellen unser Tenue und geniessen in der lauen Wintersonne ein Glas Weisswein mit Wurst und den legendären Käsbrätzeli. Leider ohne Brot und Gruyère Käse, was wir für das nächste Mal sicherlich verbessern wollen. Denn soviel ist sicher: Die Stadtschützen Bern haben eine neue Tradition im Schiessjahr.

Ergebnisse:
Gruppe Mutze 17. Rang mit 421 Punkten: 57-56-56-55-53-50-49-45
Tagessieger war übrigens Pascal Arnet Jahrgang 1975, von der Stadt Zürich Schützengesellschaft mit FAS 90 mit 60P (93) und gewann ein Sturmgewehr 90

BERICHT - Philipp Probst

 

27.03.2020 / Victor Maeder