«Wir nennen das Sturmgewehr beim Namen»

Daniela 2018

Quelle: © (Der Bund) vom 16.04.2018


Die 29-Jährige Daniela Kirchen aus Schüpfen ist im Schiesssport zu Hause. Eine Waffennärrin ist sie trotzdem nicht.

Durchatmen, zielen, abdrücken – Peng! Das ist normalerweise die Routine von Daniela Kirchen, wenn sie im Schiessstand liegt. Jetzt aber macht sie nur Trockenübungen ohne scharfe Munition, denn die 29-jährige kaufmännische Sachbearbeiterin aus Schüpfen ist hochschwanger. Wegen der Lärmbelastung für das Baby verzichtet sie momentan auf ihr Hobby. «Auch auf dem Bauch zu liegen, ist unpraktisch geworden», sagt sie und lacht. Das Schiessen fehle ihr allerdings sehr. Auf dieses Hobby gekommen ist sie durch einen Brief der Stadtschützen Bern, die sie zu einem Jungschützenkurs eingeladen hatten. Kirchen dachte: «Warum nicht? Es wäre einmal etwas anderes.»

Präzision fasziniert

Mit 16 Jahren hielt sie dann zum ersten Mal ein Sturmgewehr in den Händen. «Das Gefühl war speziell.» Kirchen hatte noch nie mit Waffen zu tun gehabt, denn in ihrer Familie interessierte sich niemand für Schusswaffen oder das Sportschiessen. So waren die Eltern nicht begeistert vom Wunsch ihrer Tochter, in der Freizeit mit Waffen zu hantieren. Aber der Sport hat Kirchen gleich gepackt und nicht mehr losgelassen. «Mich fasziniert vor allem die Präzision, die zum Schiessen benötigt wird.» Auch die Kameradschaft im Verein der Stadtschützen Bern schätzt Kirchen. «Wir sind schon ein eigenes Völkchen.»

Seit ihrer Jugend hält sie sich, so oft es geht, im Schiessstand Riedbach auf. Sonst ist sie gerne in der Natur und fährt Velo. Ausserdem trainiert sie den Nachwuchs im Verein. Im Kurs wird den Kindern und Jugendlichen der verantwortungsvolle Umgang mit Sportwaffen beigebracht. Im Verein werde nie von einem Sportgerät gesprochen, auch nicht vor den Kindern. «Wir nennen das Sturmgewehr beim Namen.» Die Kinder sollen lernen, dass ein Sturmgewehr kein Spielzeug ist. «Jede Waffe ist immer als geladen zu betrachten», sagt Kirchen. «Dann kann auch nichts passieren.» Lassen sich Kinder nicht zu schnell ablenken? Wenn ein Kind schiessen wolle und es ihm Spass mache, könne es sich auch gut konzentrieren. Aber es stimme schon: «Eine ruhige Hand, Konzentration und mentale Stärke sind beim Schiesssport besonders wichtig.»

Trotz aller Faszination stellt Kirchen klar: «Ich bin keine Waffennärrin.» So habe sie zu Hause keine Waffensammlung, sondern einfach das Sturmgewehr, das sie im Schiessstand benutze. Damit sie die Waffe behalten darf, muss Kirchen regelmässig das Feldschiessen und das obligatorische Bundesprogramm absolvieren. Falls die Schweiz das Waffengesetz demjenigen der EU anpasst (siehe Sideline), müsste Kirchen allerdings eine Ausnahmebewilligung für ihre Sportwaffe beantragen. Denn Gewehre, die mit mehr als 10 Patronen geladen werden können, wären verboten.

Kirchen findet, dass die Gesetzesänderung Terroranschläge oder Amokläufe kaum verhindern würde. Ob ein Gewehr mit 10 oder mit 20 Patronen geladen sei, mache keinen grossen Unterschied. Zudem sei bei privaten Waffen das Seriefeuer gesperrt. Als Sportschützin dürfe sie auch keine Munition nach Hause mitnehmen. «Mein Sturmgewehr ist zu Hause nicht mehr wert als ein Baseballschläger.»

Frauen in der Minderheit

Sportschiessen und Waffen sind Themen, die nicht bei allen gut ankommen. Das hat Kirchen schon selber zu spüren bekommen. Einmal habe sie Flugblätter für die Jungschützenkurse in der Stadt verteilt. «Manchmal blieben die Leute auf der Strasse stehen und pöbelten mich an», erzählt sie. Aussenstehende reagierten oft auch irritiert, weil sie als Frau einen solchen Sport ausübe. «Aber da muss man drüber stehen.»

Frauen sind bei den Stadtschützen Bern in der Minderheit. Dennoch würden sie von den Männern mittlerweile geschätzt, sagt Kirchen. Im Verein habe es über 300 Mitglieder, davon seien noch 40 bis 50 aktive Schützen. Unter diesen seien rund 10 Frauen – also ziemlich wenig.

Kirchen kann sich gut vorstellen, dass sich ihr Kind einmal für das gleiche Hobby interessieren könnte. «Wenn Mami und Papi in den Schiessstand gehen, könnte es schon neugierig werden.» Dann wären sie eine richtige Schützenfamilie, denn Kirchens Ehemann ist ebenfalls aktiver Schütze im Verein. Muss dann das Kind auch schiessen lernen? «Wir werden unser Kind bestimmt zu nichts zwingen.»

 

Céline Rüttimann

 

18.04.2018 / Daniela Czekalla